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  • Julia Kuntz

Alltagsleben Teil 4 - Ein Einblick ins Waisenhaus - 2. Mai 2017

Eigentlich darf man das hier offiziell nicht Waisenhaus nennen. Es ist eine “Residential Care Facility”, eine Einrichtung zum Betreuten Wohnen, die 40 Kinder beherbergt, die aus verschiedensten Gründen aus ihren Familien herausgenommen wurden. Manche von ihnen sind wirklich Waisen, andere haben noch Eltern - aber alle von ihnen sind wirklich zerbrochen und kaputt. Verhaltensauffällig und schwer erziehbar könnte man auch sagen, aber das wäre eigentlich keine faire Beschreibung, denn was diese Kinder wirklich sind, ist traumatisiert. Traumatisiert und an dem zerbrochen, was sie erleben mussten und was ihnen schon alles angetan wurde im Leben. Es ist also keine normale Einrichtung, aber für all diese Kinder “Normalität”.

Dieses Semester geht meine Kleingruppe jeden Sonntag für 2h diese Kinder besuchen. Wir verbringen Zeit mit ihnen, geben ihnen Aufmerksamkeit, malen und lesen Geschichten, erzählen ihnen von Gott und lassen uns einfach auf sie ein. Dafür arbeiten wir mit einem Dienst vom Gebetshaus zusammen, der sich Orphan Justice Center (OJC) nennt. Durch sie haben wir auch unser anfängliches Training erhalten; ein paar Tricks und Kniffe wie wir mit den Kindern am besten umgehen können. Und das ist gar nicht so leicht. All meine Erfahrung mit Kindern hilft mir hier zwar, bringt mich aber auch nicht viel weiter, denn diese Kinder sind eine ganz andere Liga als das noch so verzogenste Kind auf das ich je aufgepasst habe.

Faszinierender Weise sind allerdings genau diese Kinder, mit all den Mauern um ihre Herzen, trotzdem sehr offen für Gott. Sie lieben Lieder über Gottes Vaterliebe, beschäftigen sich gerne mit Bibelversen aus “Gottes Liebesbrief” und denken wirklich über geistige Dinge nach: Bin ich nicht viel zu schlecht für Gott? Kann Gott mich wirklich lieben, so wie ich bin? Warum bin ich hier? Wo ist Gott in meiner Situation?

Oft verbringen wir auch einfach Zeit damit, Witze zu reißen, Hunde und Hasen zu malen, oder über alles Mögliche zu reden - denn das allein zeigt den Kindern schon, dass sie geliebt und gewollt sind; es wert sind, dass man ihnen zuhört und dass ihre Stimme und ihre Gefühle zählen.


Diese zerbrochenen Kinder zu sehen, fällt mir oft sehr schwer. Wer will schon so ein schwieriges Kind adoptieren? Keiner. Mal ganz ehrlich. Was haben diese Kinder für eine Zukunft? Sie wandern durchs System bis sie 18 sind und dann sind sie auf sich allein gestellt. In Amerika begeht jedes 10. Waisenkind, das aus dem System herauswächst, Selbstmord. Besonders Mädchen (aber auch Jungs) sind Ziel und Opfer von Zuhältern, die ihre Zerbrochenheit ausnutzen und sie in den Sumpf der Prostitution ziehen. Das ist eine unglaublich traurige Realität. Und selbst die Kinder, die ihr Leben alleine in den Griff bekommen kämpfen mit emotionalem Trauma, Selbstzweifeln, Bindungsstörungen und und und…


All das fordert mich in meinem Glauben, mich als Christ heraus. Ich weiß, dass nichts davon von Gott gewollt ist. Wir Menschen und unsere Sündhaftigkeit sind schuld daran. Aber kann ich trotz alledem glauben, dass mein Gott etwas ändern kann, wenn ich ihn darum bitte? Glaube ich, dass er zerbrochene Herzen heilen kann? So richtig. Nicht nur so daher gesagt, sondern wirklich. Glaube ich, dass er Familien berühren und ihnen Adoption aufs Herz legen kann? Dass diese 40 Kinder in diesem Waisenhaus eine Familie finden können? Dass er jedem einzelnen Kind im System mit seiner Liebe und Gegenwart begegnen kann?

In der Fürbitte wird mein Glaube getestet. Ich selbst kann diesen Kindern nicht helfen - aber glaube ich, dass ich mit meinen Gebeten etwas bewirken kann? Und wenn ja, wie viel?

“Ich sage euch: Selbst wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr zu diesem Berg sagen: ›Rücke von hier nach dort! ‹, und er wird dorthin rücken. Nichts wird euch unmöglich sein.” (Mt 17:20) Diese Kinder und ihr Schicksal sind wahrlich ein Berg, aber Gott kann selbst Berge bewegen. Und größer als ein Senfkorn muss mein Glaube dafür nicht sein. Auch wenn ich keines dieser Kinder adoptieren kann, kann ich doch für sie beten. Und wissen, dass Gott durch mein Gebet Berge versetzt. Nicht nur metaphorisch.

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