• Julia Kuntz

Alltagsleben Teil 2 - Kindergottesdienst - 21. Apr 2017

In unserem zweiten Gottesdienst mache ich Kindergottesdienst. Ein sehr praktischer Vorteil, wenn man zwei Gottesdienste hat: man kann besuchen und mithelfen ohne eins von beidem aufgeben zu müssen.

Kindergottesdienst hier sieht sehr anders aus als alles, was ich in Deutschland (und auf den Philippinen) bisher kennengelernt habe. Da wir eine riesige Gemeinde mit vielen Familien sind, gibt es hier einen eigenen “Arbeitszweig” für Kinderarbeit, genannt Children Equipping Center (CEC). Die Kinderarbeit nimmt hier den ganzen Rest des Gemeindegebäudes ein und ist damit genauso groß wie der Gottesdienstsaal. So viel Platz brauchen wir auch, denn jeder Jahrgang bildet eine eigene “Klasse”. Ich bin die Lehrerin für die Dreijährigen und habe meistens zwischen 24-28 Kinder in meinem Klassenzimmer (ja, das wird hier “Klasse” und “Unterricht” genannt, das liegt nicht an meinem Deutsch :-D). Das ist ein weiterer Vorteil: es ist viel einfacher, ein Programm für nur eine Altersklasse zu gestalten, als eine Spanne von 8-10 Jahren abzudecken! Andererseits muss ich hier auch anmerken, dass 28 Dreijährige ein Sack voll Flöhe sind und ich Kalorien von gefühlt 5 Pizzen in diesen zwei Stunden verbrenne :-D


Zu unserem Ablauf: Wir haben ein Klassenzimmer, das eigens für diese Altersgruppe und unser Programm eingerichtet ist, und nur dafür benutzt wird. 15 Minuten vor Gottesdienstbeginn können Eltern ihre Kinder abgeben und die dürfen dann die erste halbe Stunde ausgiebig spielen: Bauklötze, Autos, Dinosaurier, Puppen, Puzzles und Plastikessen sind am Ende überall verteilt. Die erste Herausforderung ist dann, alle dazu zu bewegen, mit aufzuräumen - und aufzuhören zu spielen! Als nächstes versammeln wir uns alle auf einem großen Teppich: Ich begrüße die Kinder und wir gehen die Regeln durch. Wir sitzen “criss cross applesauce with spoons in a bowl”, also im Schneidersitz mit den Händen im Schoß, und haben drei Regeln: 1. Wenn der Lehrer redet, müssen wir leise sein, 2. Wir dürfen nicht spucken, beißen, küssen, hauen, rennen (und alles was den Kindern sonst noch einfällt - es ist ihre Lieblingsregel) und 3. Wir müssen auf unseren Lehrer hören. Die dritte Regel geht immer unter, weil ihnen da auffällt, dass sie alle drei Jahre alt sind und man das mit den Fingern genauso zeigt. Generell ist das mit dem Regeln einhalten sowieso so eine Sache mit den Dreijährigen. Sie sind zwar alle nett zueinander, aber auch sehr gut darin, sich gegenseitig abzulenken. Dann kommt der für mich als Lehrer schlimmste Teil: Pipipause. Mit fast 30 Dreijährigen auf die Toilette gehen. Nun ja, es funktioniert; es ist bis jetzt noch keiner ins Klo gefallen (obwohl die Jungs immer gerne das Pissoir anfassen wollen O.o).

Wenn das alles geschafft ist, machen wir zusammen Lobpreis. Ich habe es mittlerweile geschafft, drei der gängigsten CEC Lieder auf der Gitarre zu lernen und sogar den Kindern mit Handbewegungen beizubringen - und bin dafür mächtig stolz auf mich. Dann kommt der eigentliche Lehrteil. Den finde ich persönlich am Spannendsten, weil mir da bis auf das Thema nichts vorgegeben ist und ich meine Kreativität walten lassen kann wie ich will, um den Kindern die Botschaft verständlich zu machen. Von Malen auf dem Whiteboard, über Pflanzen mitbringen, Mauern bauen, Streichhölzer anzünden, bis hin zu echten Fröschen ist alles erlaubt was die Aufmerksamkeit fesselt. (Zugegebenermaßen war ich mir beim Feuer nicht so sicher, aber da der Feuermelder nicht angegangen ist, verbuche ich es als erlaubt.)

Dann kommt der Teil, den man auf keine Fall vergessen darf: Goldfische! Manchmal fragen die Kinder schon beim Reinkommen wann es Goldfische, unseren kleinen Zwischensnack (sowas wie die Fischlis die man in Deutschland auch bekommt), gibt und es wird auf jeden Fall immer um Nachschlag gebeten, selbst wenn sie wissen, dass es keinen gibt. Zwischen Goldfischresten und halbleeren Wasserbechern kommen wir dann zu guter Letzt zu dem Teil, bei dem die Kinder selbst kreativ werden können: malen und kleben. Beim Basteln wird beides mit größter Hingabe und Leidenschaft ausgelebt und beim Abholen kann man meistens die Bilder nur halb mitgeben, da der Kleberteil irgendwo anders festklebt und ein Großteil der Wachsmalkreide auf dem Tisch statt auf dem Papier gelandet ist. Die letzten Minuten bis zum und während dem Abholen sind dann der Chaosbegrenzung gewidmet: Es dürfen nur noch Bücher gelesen, aber nicht mehr gespielt werden, da sich sonst der Raum in ein Schlachtfeld verwandelt -dieses Verbot bricht allerdings so manches Kinderherz. Gleichzeitig will man auch die Eltern dazu überreden, irgendwann demnächst mal einen Sonntag mitzuhelfen, denn so ein Programm lässt sich nicht alleine stemmen. Da muss ich immer aufpassen, dass ich in keine kulturellen Fettnäpfchen trete und die sehr indirekten Absagen bemerke und gelten lasse (gar nicht so einfach!).


Wenn ich diese zwei Stunden überlebt habe, klopfe ich mir immer selbst auf die Schulter. Ich war nicht nur Hauptverantwortliche für alles und jeden, Animateurin, Moderatorin, Trösterin, Bespaßerin, Lobpreisleiterin, Toilettentante, Lehrerin, Spielgefährtin und Elternbeauftragte - sondern habe tatsächlich auch die Möglichkeit genutzt, Gott den Kindern näher zu bringen und ihn ein bisschen realer und persönlicher für sie zu machen. Und das ist es, worum es mir eigentlich geht. Doch dazu mehr beim nächsten Mal.

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